Wer Matthäus, Markus und Lukas hintereinander liest, bemerkt etwas Verblüffendes: Diese drei Evangelien erzählen oft dieselben Geschichten, in derselben Reihenfolge, manchmal fast mit denselben Worten. Das ist kein Zufall. Sie werden als synoptische Evangelien bezeichnet (vom griechischen synopsis, „Gesamtschau"), und Gelehrte untersuchen ihre bemerkenswerten Gemeinsamkeiten seit über zwei Jahrhunderten. Laut Britannica finden sich über 97 % des Markusevangeliums in Matthäus und/oder Lukas wieder — eine Übereinstimmung, die faszinierende Fragen über die Entstehung dieser Texte aufwirft.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Matthäus, Markus und Lukas werden synoptisch genannt, weil sie eine gemeinsame Struktur, einen ähnlichen Blickwinkel und weitgehend dasselbe Material teilen.
- Der Begriff „synoptisch" wurde vom deutschen Gelehrten Johann Jakob Griesbach 1776 geprägt, als er den ersten modernen Parallelvergleich der drei Evangelien veröffentlichte.
- Über 97 % des Markusevangeliums ist in Matthäus und/oder Lukas wiederzufinden.
- Forscher sprechen von Dreifacher Überlieferung für Material in allen drei Evangelien und von Doppelter Überlieferung für Material, das nur Matthäus und Lukas gemeinsam haben.
- Die Zwei-Quellen-Hypothese — die dominierende Erklärung — schlägt vor, dass Matthäus und Lukas unabhängig voneinander Markus nutzten, plus eine verlorene Spruchquelle namens Q (von deutsch Quelle).
- Jedes Evangelium hat einen eigenen Verfasser, eine eigene Zielgruppe und einen eigenen theologischen Schwerpunkt: Markus ist handlungsorientiert für römische Christen; Matthäus ist gesetzeszentriert für jüdische Christen; Lukas ist einfühlsam für gebildete Heidenchristen.
- Das Johannesevangelium ist kein synoptisches Evangelium: Es teilt nur etwa 8 % seines Inhalts mit den anderen dreien.
Was bedeutet „synoptisch" genau?
Das Wort synoptisch bedeutet auf Griechisch „zusammen gesehen". Auf Matthäus, Markus und Lukas angewendet, signalisiert es, dass diese drei Evangelien in Parallelspalten angeordnet und auf einen Blick gelesen werden können — ihre Handlungsverläufe, Abfolgen und Formulierungen stimmen so weitgehend überein, dass die Parallelen unübersehbar sind.
Diesen visuellen Ansatz begründete Johann Jakob Griesbach (1745–1812), ein deutscher Neutestamentler. 1776 veröffentlichte er seine Synopsis Evangeliorum — eine Nebeneinanderstellung der drei Evangelien — statt sie wie frühere Gelehrte zu harmonisieren. Diese Veröffentlichung löste aus, was Forscher heute das Synoptische Problem nennen: die Frage, warum diese drei Evangelien so ähnlich sind und welche literarische Beziehung sie verbindet.
Zitatkapsel: Griesbachs Synopsis Evangeliorum von 1776 stellte Matthäus, Markus und Lukas erstmals in Parallelspalten dar. Sein Ansatz ersetzte die Harmonisierung durch direkten Vergleich, enthüllte sowohl auffallende Wortübereinstimmungen als auch bedeutsame Abweichungen — und legte die Grundlage für zwei Jahrhunderte synoptischer Forschung. (Quelle: Cambridge University Press, J. J. Griesbach: Synoptic and Text-Critical Studies 1776–1976)
Wie stark überschneiden sich die drei Evangelien?
Die Überschneidung ist enorm — und statistisch präzise. Das Markusevangelium umfasst 661 Verse. Davon erscheinen laut Britannica über 600 in Matthäus und etwa 350 in Lukas. Mit anderen Worten:
- 97 % von Markus findet sich in Matthäus und/oder Lukas.
- Nur etwa 31 Verse des Markusevangeliums haben kein Pendant in den anderen beiden Synoptikern.
- Rund 76 % des Markusstoffes erscheint sowohl in Matthäus als auch in Lukas (Dreifache Überlieferung).
- Matthäus und Lukas teilen zusätzlich etwa 200 Verse an Logien, die bei Markus fehlen (Doppelte Überlieferung).
Dieser Grad an Übereinstimmung geht weit über Zufall hinaus. In vielen Abschnitten ist die griechische Formulierung nahezu identisch — ein starkes Indiz für direkte literarische Abhängigkeit.
Was sind Dreifache und Doppelte Überlieferung?
Die Dreifache Überlieferung bezeichnet das Material in allen drei synoptischen Evangelien: Taufe Jesu, Versuchung in der Wüste, Speisung der Fünftausend, Verklärung. Dieser gemeinsame Erzählkern macht ungefähr die Hälfte des Matthäus- und Lukasstoffes aus und den Großteil des Markusevangeliums.
Die Doppelte Überlieferung bezeichnet rund 200 Verse, die Matthäus und Lukas gemeinsam haben, Markus jedoch fehlen. Dieses Material besteht fast ausschließlich aus Reden und Aussprüchen: die Seligpreisungen (Mt 5:3–12 / Lk 6:20–23, Lutherbibel 2017), das Vaterunser (Mt 6:9–13 / Lk 11:2–4), das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Mt 18:12–14 / Lk 15:4–7). Dieses gemeinsame Korpus veranlasste Forscher, die Quelle Q zu postulieren.
Jedes Evangelium enthält auch Eigengut: der Sonderstoff des Matthäus (Mt-Sg, z. B. die Weisen aus dem Morgenland) und der Sonderstoff des Lukas (Lk-Sg, z. B. das Gleichnis vom verlorenen Sohn in Lk 15:11–32, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lk 10:25–37, Lutherbibel 2017).
Was ist das Synoptische Problem?
Das Synoptische Problem ist die wissenschaftliche Frage seit Griesbach: In welcher Reihenfolge entstanden die drei Evangelien, und haben die Autoren voneinander abgeschrieben?
Drei Hauptantworten wurden vorgeschlagen:
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Markuspriorität (Zwei-Quellen-Hypothese) — Markus wurde zuerst verfasst. Matthäus und Lukas nutzten unabhängig voneinander Markus plus eine verlorene Spruchquelle Q. Dies ist heute die Mehrheitsposition der Neutestamentler.
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Griesbach-/Zwei-Evangelien-Hypothese — Matthäus war das erste Evangelium, Lukas nutzte Matthäus, und Markus ist ein Kompendium beider.
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Farrer-Hypothese — Markus steht am Anfang, Matthäus nutzt Markus, Lukas nutzt sowohl Markus als auch Matthäus (kein Q nötig). Diese These hat seit Mark Goodacres Arbeiten Anhänger gewonnen.
Kein Konsens wurde bisher erzielt. Die Debatte ist lebendig.
Was ist die Quelle Q?
Q (von deutsch Quelle) ist der Name für ein hypothetisches Dokument, das die rund 200 gemeinsamen Logienverse in Matthäus und Lukas erklären soll, die bei Markus fehlen.
Die Logik ist einfach: Wenn Matthäus und Lukas voneinander unabhängig verfasst wurden (Prämisse der Markuspriorität), müssen sie eine gemeinsame schriftliche Quelle gehabt haben. Die Forscher nennen sie Q.
Wie sah Q aus? Die meisten Forscher stellen es sich als Logienquelle vor — eine Sammlung von Jesusworten ohne ausgearbeiteten Erzählrahmen, ähnlich dem Thomasevangelium (entdeckt 1945). B. H. Streeter argumentierte 1924 in The Four Gospels, Q sei auf Griechisch verfasst worden und Lukas bewahre seine ursprüngliche Anordnung besser als Matthäus.
Kein Manuskript von Q wurde je gefunden, und kein antiker Autor erwähnt es. Es ist eine Forschungshypothese — kein physisches Dokument. Anhänger der Farrer-Hypothese halten Q für überflüssig: Lukas kannte schlicht das Matthäusevangelium.
Wie unterscheiden sich Matthäus, Markus und Lukas?
Trotz des gemeinsamen Materials hat jedes synoptische Evangelium seine eigene Persönlichkeit:
| Merkmal | Matthäus | Markus | Lukas |
|---|---|---|---|
| Tradierter Autor | Matthäus (Apostel, Zöllner) | Johannes Markus (Begleiter des Petrus) | Lukas (Arzt, Begleiter des Paulus) |
| Hauptzielgruppe | Judenchristen | Heidenchristen in Rom | Gebildete griechischsprachige Heiden |
| Entstehungszeit | 80–90 n. Chr. | 65–70 n. Chr. | 80–85 n. Chr. |
| Hauptthema | Jesus erfüllt Gesetz und messianische Prophezeiungen | Jesus als mächtiger, drängender Gottessohn | Jesus als Heiland aller, besonders der Randständigen |
| Beginn | Genealogie ab Abraham (Mt 1:1–17, Lutherbibel 2017) | Taufe Jesu (Mk 1:1–11) | Genealogie ab Adam (Lk 3:23–38) |
| Sonderstoff | Weisen, Bergpredigt, Missionsbefehl | Wenige AT-Zitate, aramäische Erklärungen | Verlorener Sohn, Barmherziger Samariter, Magnificat |
| Empfohlene Übersetzung | Lutherbibel 2017, Einheitsübersetzung 2016 | Lutherbibel 2017 | Lutherbibel 2017, Gute Nachricht Bibel |
Warum ist Johannes kein synoptisches Evangelium?
Das Johannesevangelium steht in einer eigenen Kategorie. Während Matthäus, Markus und Lukas eine gemeinsame Struktur und große Stoffblöcke teilen, teilt Johannes nur etwa 8 % seines Inhalts mit den Synoptikern. Johannes beginnt mit einem kosmischen Prolog — „Im Anfang war das Wort" (Joh 1:1, Lutherbibel 2017) — und entwickelt lange theologische Reden statt kurzer Gleichnisse. Er enthält Episoden, die in den Synoptikern fehlen (Hochzeit zu Kana, Nikodemus, Samariterin, Lazarus), während er synoptische Schlüsselereignisse wie die Verklärung ausspart. Das Johannesevangelium wird auf etwa 90–95 n. Chr. datiert — später als die Synoptiker — und spiegelt eine weiter entwickelte Christologie wider.
Stellt das Synoptische Problem den Glauben in Frage?
Für viele Gläubige stellt sich die Frage: Untergräbt die Nutzung literarischer Quellen die Autorität der Bibel? Kurz gesagt: Nein. Das Vorhandensein von Quellen vermindert nicht den theologischen Wert der Evangelien. Lukas sagt es selbst: „Ich habe mich entschlossen, dir alles von Grund auf geordnet zu schreiben, nachdem ich allem sorgfältig nachgegangen bin" (Lk 1:3, Lutherbibel 2017). Quellen zu nutzen war im Altertum ein Merkmal sorgfältiger Verfasserschaft.
Für persönliche Glaubensfragen wende dich an deinen Pfarrer, Priester oder Seelsorger — der Blog ist zur Information gedacht, nicht als Autorität in Glaubensdingen.
Häufig gestellte Fragen
Was sind die synoptischen Evangelien?
Die synoptischen Evangelien sind Matthäus, Markus und Lukas — drei Evangelien des Neuen Testaments, die eine gemeinsame Struktur, weitgehend denselben Inhalt und ähnliche Formulierungen teilen. Der Begriff kommt vom griechischen synopsis (Gesamtschau). Über 97 % des Markusevangeliums findet sich in Matthäus oder Lukas.
Warum ist Johannes kein synoptisches Evangelium?
Das Johannesevangelium teilt nur etwa 8 % seines Inhalts mit den Synoptikern. Es hat eine andere Struktur, einen anderen Stil und eine andere Theologie. Johannes wollte die synoptische Überlieferung wahrscheinlich ergänzen, nicht wiederholen.
Wer prägte den Begriff „synoptische Evangelien"?
Der deutsche Gelehrte Johann Jakob Griesbach prägte den Begriff 1776 mit der Veröffentlichung der ersten modernen Parallelsynopse von Matthäus, Markus und Lukas.
Was ist die Quelle Q?
Q ist ein hypothetisches Dokument, das die rund 200 Logienverse erklären soll, die Matthäus und Lukas teilen, Markus jedoch fehlen. Kein Manuskript von Q wurde je gefunden.
Welches synoptische Evangelium wurde zuerst verfasst?
Die Mehrheit der Forscher geht davon aus, dass Markus zuerst entstand, um 65–70 n. Chr. Matthäus und Lukas werden auf 80–90 n. Chr. datiert. Diese Position — die Markuspriorität — ist mehrheitsfähig, wenngleich Alternativen existieren.
Julien ist Bibelausbilderin und Autorin bei Bible Expert und leidenschaftlich darum bemüht, die Heilige Schrift für alle zugänglich zu machen — unabhängig von der christlichen Tradition.